Lieber Georg,
ich benehme mich im Moment ziemlich verrückt. Auch wenn ich dir immer wieder versichert habe, dass ich mich nicht von dir abhängig machen werde, geschieht so etwas ähnliches doch. Ich sitze den ganzen Abend online vor dem Rechner und warte, dass du ebenfalls online gehst. Ich brauche dich als Gesprächspartner. Ich habe das Gefühl, unbedingt mit jemandem reden zu müssen, und du bist der einzige im Moment, mit dem das geht. Bei dir habe ich das Gefühl, dass du mich verstehst. Du hast alle meine Launen ertragen und niemals gesagt, nun reiss' dich doch mal zusammen. Ich habe niemals einem Menschen all das erzählt, was ich dir aufgehalst habe, und du hast mich dennoch verstanden. Was soll ich also tun? Irgendwann muss ich dir doch auf die Nerven fallen, aber du wirst mich nicht abweisen, weil du dich mir gegenüber verantwortlich fühlst.
Ich habe wirklich Angst, dich auf diese Weise mit mir zu erpressen.
Soll ich vielleicht doch den Kontakt abbrechen? Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende? Glaub' mir, ich werde dich mit 'runterziehen. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Ich kann mich einfach nicht entschliessen, offline zu gehen (es ist 1:05 Uhr!), obwohl wir doch nicht verabredet waren; im Gegenteil, wir haben gestern abend festgestellt, dass wir uns wohl erst nach deiner Reise wiedersprechen werden.
(Etwas später)
Ich versuche, meine Trauer zu analysieren. Ja, ich bin traurig, aber
diese Traurigkeit ist anders als das, was ich früher empfunden habe.
Ich trauere um mich, aber ich möchte es nicht Selbstmitleid nennen, nicht in diesem üblichen jammerenden Sinn. Ich bin traurig und entsetzt darüber, was mir geschehen ist, weil es mein ganzes Leben beeinflusst hat und immer noch beeinflusst. Ich frage mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn die Umstände einfach etwas besser gewesen wären. Wenn ich mit meinen Eltern hätte reden können, wenn meine Mutter nicht selbst in derart widrigen Verhältnissen aufgewachsen wäre, usw. usf. (Ab jetzt, schon um Buchstaben zu sparen *g*, werde ich hier von "Mama" schreiben, so nenne ich sie ja auch).
Ja, Mama erzählte mir aus ihrer Kindheit, später mal, als wir miteinander reden konnten. Oma hat sie sehr streng erzogen. Auch dort gab es oft Streit, z.B. um den Haushalt. Ein weiteres Thema war die Schule. Oma ist 1920 geboren, sie wuchs in einer Zeit auf, in der andere Werte als heute vermittelt wurden. Sie war z.B. von meinen Ex-Schwiegereltern immer sehr fasziniert und beeindruckt, weil es ja so Akademiker waren (ok, er; sie spielte die Rolle der Hausfrau), und Herr L ist ja sogar Doktor! Sie (Oma) hat da noch so ein Verständnis von "feinen Leuten", von Gesellschaftsschichten, wo z.B. Alexander gar nicht so reinpasst, weil er ja "nur" Handwerker ist. Ich musste echt in mich hineinlächeln, als sie mir im geheimen mal gestand, sie fände Alexander wirklich sehr nett, aber sie hätte sich für Nicki eigentlich immer "etwas Besseres" vorgestellt. So in dem Sinne: Nicki sieht doch sehr hübsch aus, ist sehr intelligent, hat ein eigenes gesichertes Einkommen (sie ist ja "Beamtin", noch so ein faszinierendes Ding), und sie hätte sich doch "wirklich jeden" aussuchen können. Warum dann also Alexander? Oma befürchtete, die beiden hätten keine gemeinsamen Gesprächsthemen, weil Nicki ja (nach Schulabschluss u.ä. betrachtet) wohl doch viel klüger sei.
Worauf wollte ich hinaus? Ach ja, jedenfalls war Mama nicht gerade die Leuchte in der Schule, aber Oma konnte ja früher sogar "das Lyzeum" besuchen. Und ich bin sicher, dass Oma meiner Mutter ganz sicher ein Gefühl der Minderwertigkeit vermittelt hat. Jedenfalls empfindet Mama es so, ich sprach mit ihr darüber. Es tut ihr heute weh, wenn Oma z.B. sie mit Simone statt mit Moni anspricht (sie heißt Monica). Langer Rede kurzer Sinn: ich bin sicher, nein, ich weiß, dass auch Mama in ihrer Kindheit wenig Liebe erfahren hat.
Ich glaube, ich versuche einfach Gründe zu finden, warum es in unserer Familie lief, wie es eben lief. Ich meine, Mama hat doch alles nach bestem Wissen und Gewissen getan, sie wollte doch wirklich unser Bestes (nicht sarkastisch gesagt).
Ich habe gerade in meinen Aufzeichnungen gelesen, die ich in der Zeit gemacht habe, als ich begann, meine Erlebnisse wenigstens etwas zu verarbeiten. In dieser Zeit habe ich mich z.B. einmal mit der Klassenlehrerin der Unterstufe (1.-4. Klasse) unterhalten. Ich wollte einfach wissen, wie sie das damals gesehen hat. Jetzt schreibe ich einfach mal ab, was ich damals in mein Tagebuch darüber geschrieben habe, was diese Lehrerin sagte:
Das waren jetzt einfach mal die Fakten, für dich zum Verständnis und für mich zur Erinnerung. Was soll ich auch weiter dazu sagen?
Ich bin an dem Punkt stehengeblieben, was das für eine Trauer ist, die mich befallen hat. Ich kenne das ja von früher, mein ganzes Leben lang gab es (auch lange) Zeiten, in denen ich traurig war. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, ob das Depressionen im medizinischen Sinne waren (früher, jetzt nicht, das ist anders). Aber die Symptome hätten nicht richtig gepasst.
Die Trauer heute ist anders. Sie überwältigt mich nicht, es ist Hoffnung dabei, dass es vorbeigehen wird. Zu wissen, dass ich dir diese Briefe geben _könnte_, hilft mir sehr dabei. Vielleicht werde ich es sogar tun, aber dazu müsstest du mich bitten, und wie stelle ich das an? (Jetzt weiß ich erst, was du gemeint hast, wenn du sagtest, ich müsse dich erst noch einmal bitten, dieses oder jenes zu erzählen.)